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Icon13.12.2017 14:23 by Mailastare

Kommentar: Zufällig Glück gehabt – Wieso Zufall gar nicht so schlimm ist

imageAls der Spanier Esteban 'AKAWonder' Serrano auf der DreamHack Winter 2017 seine letzte Handkarte gegen Gegner 'Davidos' ausspielt, ist ihm die Verzweiflung bereits ins Gesicht geschrieben. Der Effekt der Karte Swashburgler verschafft ihm eine zufällige Klassenkarte des Gegners, als dann Cabalist’s Tome auf seiner Hand auftaucht, breitet sich Aufregung unter den Zuschauern und Kommentatoren auf: Diese Karte gibt einem drei zufällige Magier-Zauber, unter denen dann auch der ersehnte Feuerball ist. Sechs direkte Schadenspunkte bereiten Davidos ein Ende.

Geschichten wie die von AKAWonder werfen die Frage auf, ob Hearthstone wirklich als Esport-fähiges Spiel gelten kann und sollte, wenn der Ausgang einer ganzen Partie doch auf reinem Zufall und Glück basieren kann, und inwiefern der Esport überhaupt von sogenannten RNG-Elementen beeinflusst wird und ob das so richtig ist. Für viele Fans wäre die Antwort ganz einfach: Der Wettbewerb sollte nur durch Skill und wenn überhaupt nur sehr wenig vom Glück abhängig sein und Zufallselemente zerstören die Fairness. Die eigentliche Antwort ist aber etwas komplizierter und kommt zu einem ganz anderen Schluss.

RNG-Elemente

„Random Number Generator" ist quasi ein Hass-Ausdruck unter Esport-Fans. Elemente im Spiel, die vom Computer ausgewürfelt werden, erhöhen zwar den Spielspaß, die Dynamik und den Wiederspielwert, machen aber in den Augen Vieler die Fairness des Wettbewerbs zunichte. Wird so Diablo erst zu einem spielenswerten ARPG, würde einem doch sehr der Spaß fehlen, wenn in League of Legends oder Dota 2 jeder Spieler zufällige Items bekommen würde. Es ist von Genre zu Genre, von Spiel zu Spiel unterschiedlich, wie viel "RNG" gut tut. Ganz ohne kommt aber wohl kaum eins aus und über die Jahre bekommen Spiele eher mehr als weniger dieser Elemente, um weiter zum Spielen zu motivieren. League of Legends würfelte früher lediglich die Startseiten und mögliche kritische Treffer aus und führte mit der Zeit mehr und mehr Zufallselemente, wie verschiedene Drachen, die Kleptomancy-Mastery und diverse Fähigkeiten ein. Das brachte dem Spiel oft neue Dynamik, die Spieler waren aber von Anfang an gegen solche Elemente um die Balance zwischen den beiden Teams zu wahren.

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Bildquelle: MaSsan

Dagegen ist Hearthstone allerdings nochmal eine ganz andere Hausnummer: Die Spieler setzen sich hier andauernd Zufallsereignissen aus, die schon beim Ziehen der Karten beginnen und bis hin zu Schadenswerten verschiedener Zauber wie Lightning Storm reichen. Der Schamane hat mit Totem Call sogar eine auf Zufall basierende Heldenfähigkeit. Und obwohl Hearthstone gerade auch als Kartenspiel eines der Spiele mit den meisten RNG-Elementen ist, wird die Esport-Szene um das Spiel immer größer. Es geht nicht darum, ob es Zufall und Glück in Spielen gibt, sondern wie man damit umgeht.

Pokern ist doch auch nur Glück

Professionelle Pokerspieler unterscheiden sich nicht dadurch von Amateuren in dem sie mehr Glück haben, sondern durch das korrekte, oder zumindest sehr gute Einschätzen ihrer Chancen. Sie wissen immer genau, welche Karten noch im Spiel sind, welche sie selber haben und die Wahrscheinlichkeit für jede Karte und jede ausspielbare Hand. Professionelle Pokerspieler schätzen ein, wie sehr sie sich bei ihren Gegnern vortrauen können und setzen dementsprechend. Es ist ihnen dadurch möglich, den Zufallsfaktor zu minimieren und sich womöglich einen Vorteil gegenüber dem Gegner zu verschaffen.

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Bildquelle: AOK

So ähnlich verhält es sich dann auch mit den Profis in Hearthstone. Ein guter Spieler kennt jede Karte in seinem Deck und weiß, welche Karten der Gegner möglicherweise haben könnte. Er spielt nicht immer auf die aktuelle Situation, sondern denkt voraus und schätzt zukünftige Züge ein. Als Esteban 'AKAWonder' Serrano den Swashburgler spielte, tat er dies in der Hoffnung genau die siegbringende Karte, den Feuerball, zu ergattern. Seine Verzweiflung bezog sich eher auf die absolut geringe Wahrscheinlichkeit. Es war ein Risiko, das er aber eingehen musste. Und auch Davidos erkennt sofort, was sein Gegner versucht, als dieser seine Karte spielt. Die Hoffnung, dass genau dies nicht passiert ist seinem Blick abzulesen. Dass AKAWonder hier unheimliches Glück hatte ist nicht abzustreiten, dass er dadurch nicht gleich zum besseren Spieler wird ebenfalls. Ein Amateur wäre beiden Spielern dennoch haushoch unterlegen gewesen. Das Problem im Esport, und das gerade in Hearthstone, ist also nicht, dass Zufall existiert, sondern wie damit umgegangen wird.

Änderung des Systems

Durch ein K.O.-System, sei es auch ein Best-of-Five, wie auf der DreamHack Winter lässt sich nämlich nur schwer wirklich feststellen, ob ein Spieler nun wirklich besser ist und weiterkommen sollte, oder einfach nur Glück hatte. Ein guter Spieler kristallisiert sich nicht zwangsweise aus einem einzigen Spiel heraus, sondern eher über Hunderte. Die Win-Rate ist dabei das entscheidende. Ein Amateur wird vielleicht auch mal durch Glück einen Profi besiegen und dennoch bei 30 Prozent an Siegen stecken, während besagter Profi eben dennoch 70 Prozent seiner Spiele gewinnt.

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Bildquelle: Self Improvement

Ein anderes System für Turniere muss also her, um hinterher wirklich die Besten auf dem Treppchen stehen zu haben. Geeignet dafür ist das sogenannte „Round-Robin Format", in dem jeder Teilnehmer gegen jeden anderen Teilnehmer antritt. Gewinner ist derjenige mit den meisten Siegen. Zwar ist auch dieses System nicht perfekt, da auch hier ein Spieler mit einer unerschöpflichen Menge an Glück andere übertrumpfen kann, es bringt aber um einiges mehr Fairness in die Turniere als das klassische Elimination-Format.

Der Esport wird also keineswegs durch Zufallselemente zerstört und Hearthstone darf sich auch durchaus ein kompetitives Spiel nennen, es wird nur in Zukunft nötig sein, dass die Szene umdenkt und neue Ideen entwickelt, um letztlich daran zu wachsen und weiterhin seine Fans zum Zuschauen und Mitfiebern zu motivieren - gerade in so heiklen Situationen wie AKAWonder’s Sieg über Davidos.

Quellen:
Oliver 'Mailastare' Röger
registriert seit 23.11.2017
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