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Icon03.01.2018 19:57 by hinterwalda

Fluch oder Segen? - Franchising im eSport

imageIn den größten Sport-Ligen der USA ist es schon längst Gang und Gäbe und nun hält es auch im eSport Einzug: Die Rede ist vom Franchising. Blizzard praktiziert es bereits in der Overwatch League und auch Riot Games möchte die LCS künftig darauf aufbauen. Aber was ist das überhaupt? Was sind seine Stärken, was die Schwächen? Und ist es im Endeffekt Fluch oder Segen für den eSport?


Stärken eines Franchises
Die Vorzüge - vor allem für Investoren - die ein Franchise mit sich bringt, liegen klar auf der Hand. Durch ein fehlen von Auf- und Abstieg verbleibt ein Team auch nach einer schlechten Saison innerhalb der Liga und die Organisation kann sich neu sortieren und strukturieren, ohne dabei jedoch den Platz innerhalb der Top-Liga zu verlieren. Der schnelllebige eSport genießt nicht gerade den Ruf überragender finanzieller Sicherheit und so verschwanden auch schon große Namen ebenso schnell wieder von der Bildfläche, wie sie auf dieser aufgetaucht waren.

Als Paradebeispiel dafür lässt sich der französische Fußballverein Paris Saint-Germain anführen. Ende 2016 verkündete der Top-Klub zur Überraschung und Freude vieler eSports-Begeisterter seine künftige Teilnahme an der EU Challenger Series in League of Legends sowie den Einstieg in den eSport von Fifa. Ein lediglich logischer Schritt für einen Fußballverein. Das Projekt League of Legends wurde dann allerdings im Herbst 2017 wieder eingestellt, da man nach zwei erfolglosen Splits in der Challenger Series immer noch nicht die LCS erreicht hatte - in ein Franchise hätte man sich einfach einkaufen können.

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 Das Projekt League of Legends wurde bei PSG nach nur einem Jahr ohne Erfolge wieder eingestellt

Ebenso eindrucksvoll, wie am Beispiel von PSG die Schwächen einer Liga ohne Franchise offengelegt werden, kommen am Beispiel des neuen Franchise-Systems der NA LCS und der Overwatch League die Stärken eines solchen zum Vorschein. Hinter immerhin vier der zwölf Teams der Overwatch League stehen Investoren, die vorher noch keinerlei Kontakt mit dem eSport hatten, oder zumindest nicht in diesen investierten. In der NA LCS haben haben von den zehn teilnehmenden Teams sogar sechs einen Investor in der Hinterhand, der bisher vor allem im konventionellen Sport aktiv war. Dabei sind mit Investoren aus den Ligen NBA (Basketball), NFL (Football) und MLB (Baseball) vertreten.

Die Teams und vor allem deren Investoren werden durch ihre Reichweite mit großer Sicherheit zur gesellschaftlichen Akzeptanz des eSports beitragen, was dem Franchise einen weiteren Pluspunkt einbringt. Dabei profitieren am Beispiel der Overwatch League vor allem die Spieler innerhalb der Teams vom Franchise, da sie durch ein von Blizzard festgesetztes Regelwerk ein festes Jahresgehalt von mindestens 50.000 US-Dollar bekommen sowie kranken- und sozialversichert sind. Zudem bringen größere Sportvereine, seien es europäische Fußball- oder US-amerikanische Basketballteams, Infrastrukturen für ihre Teams mit, über die keine eSport-Organisation der Welt verfügt.

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Basketball-Star Rick Fox (1. v.l.) gilt als einer der Vorreiter im eSport - zumindest 'richtige' Sportler betreffend

Schwächen eines Franchises
Wo markante Stärken auftreten, sind zumeist auch ebenso schwerwiegende Schwächen zu finden und ein Franchise-System stellt in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar. Die größte Kritik an einem Franchise kommt von Seiten der Zuschauer, da durch ein Fehlen von Auf- und Abstieg der kompetitive Charakter bedroht wird. Man argumentiert auf Seiten der Kritiker vor allem damit, dass die Teams, welche keine Chance mehr haben, einen der begehrten Play-Off-Plätze zu erreichen das Spiel einfach Spiel sein lassen und somit die restlichen Spiele ihrer Saison einfach absolvieren, weil es ihr Job ist. Dadurch würde der Wettkampf-Charakter stark bedroht werden und die Schlussphase jeder einzelnen Saison könnte eine Qual für die Zuschauer werden, da im Endeffekt nur etwa die Hälfte der Teams noch spielt, um zu gewinnen.

Zusätzlich dazu sehen viele Kritiker des Franchise-Systems auch in der Risikobereitschaft der Investoren eine gewisse Gefahr für den eSport, da der eSport als solcher aus der Gaming-Community heraus entwickelt wurde. Dieser community-nahe Charakter könnte durch die Spielereien der Investoren gefährdet werden, sollten diese den eSport als solchen nicht ernst nehmen, sondern lediglich die zusätzliche Reichweite durch ein eigenes Team ausnutzen wollen.

Ein weiterer Nachteil, den ein Franchise mit sich bringt, ist der, dass nur noch etablierte Organisationen innerhalb einer Liga oder Teams mit großen Investoren im Rücken überhaupt die Möglichkeit haben, an einer professionellen Liga teilzunehmen. Teams wie die europäische LoL-Mannschaft 'Unicorns of Love', welche als Gruppe von spielbegeisterten Freunden begann und heute zu den besten in Europa gehört, hätte nicht den Hauch einer Chance auf die Teilnahme an der LCS.

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Die Unicorns of Love kamen aus dem Nichts und machten sich schnell einen Namen innerhalb der EU LCS

Fluch oder Segen?

Vor- und Nachteile eines Franchises halten nahezu die Waage und so lässt sich nur schwer festmachen, ob das eine in Zukunft das andere überwiegen wird. Ein Franchise ist durchaus dazu in der Lage, die gesellschaftliche Akzeptanz des eSports zu fördern - vorausgesetzt, die Investoren nutzen ihre Reichweite aus, um ihre eigenen Teams angemessen zu bewerben. Dem gegenüber steht die Bedrohung des kompetitiven Charakters, der insbesondere bei - momentan - eher zuschauer-unfreundlichen Spielen wie Overwatch ein wichtiger Aspekt für den Aufbau einer festen Community ist. Zudem haben in einem Franchise kleine Teams oder Organisationen ohne große Geld praktisch keine Chance mehr, ein Stück vom ganz großen Kuchen abzubekommen. Das Jahr 2018 wird zeigen, ob ein Franchise gegenüber einem Ligensystem mit Auf- und Abstieg eher stark oder schwach da steht. Sollte letzteres der Fall sein, kann man, vor allem als Zuschauer, nur darauf hoffen, dass die Betreiber der Liga dies in einer solchen Situation zeitnah angehen und verbessern.


Bildquellen: PSG eSports, kicker eSport, Sport1

Gregor 'hinterwalda' Vorwald
registriert seit 05.05.2017
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