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Icon12.09.2012 01:08 by chimp

Jinro: "Es war, als könnte ich über Wasser laufen"

imageUnruhig rutscht der damals 21-jährige Jonathan Walsh auf seinem Stuhl in der engen GSL Playerbox umher. Mit zwei tiefen Atemzügen füllt er seine Lungen mit Sauerstoff und rückt ein letztes Mal seine Mütze zurecht. Auch seinem koreanischen Kontrahenten, Lee 'Choya' Hyung Seop, ist die Aufregung anzumerken. Angespannt sucht er in seinem Wärmekissen, das er bereits minutenlang von einer Hand in die Andere legt, Ablenkung. Wir schreiben den 7. Dezember 2010. Korea und der Rest der StarCraft-Welt blicken auf das Viertelfinale der GSL Season 3, in dem die vier besten Spieler der Welt ermittelt werden sollen, welche sich den Traum auf den krönenden Titel der Prestigeliga wahren dürfen. Mit Jonathan 'Jinro' Walsh hat zum ersten Mal ein Europäer die Chance, dieses Ziel zu verwirklichen. Nach fünf spannenden Maps bringen zwei Buchstaben letztendlich die Erlösung. Der Terraner vom legendären TeamLiquid zieht ins Halbfinale der Global StarCraft II League ein und steigt zur Hoffnung tausender Fans außerhalb Koreas auf. Es sind solche Momente, die Legenden schaffen, die Spielern einen Heldenstatus verleihen, der auch nach dem Karriereende noch anhält. Ein Status, den Jonathan Walsh, rund 20 Monate nach seinem Erfolg, früher als erwartet in Anspruch nehmen muss. Sechs Tage nach seinem Rücktritt als aktiver Spieler, hatten wir nun die Chance, mit dem mittlerweile 23-jährigen Schweden über seine Karriere, die Zeit in Korea und seiner Zukunft zu sprechen.


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Jonathan, was sind jetzt deine Zukunftspläne, nachdem du mit dem Progaming aufgehört hast? Wir haben gelesen, dass du dich nun mehr auf Poker konzentrieren willst. Wirst du ins Pokerspielen ähnlich viel Zeit investieren wie in StarCraft 2?
Jonathan 'Jinro' Walsh : Ich versuche sogar noch mehr Zeit in die Theorie des Pokerspielens zu investieren, als ich es jemals in StarCraft 2 getan habe, möchte aber dennoch insgesamt ein ausgewogeneres Leben führen als zuvor.

Ende 2010 bist du auf dem Höhepunkt deiner Karriere angelangt, hast die MLG Dallas gewonnen und konntest das Halbfinale der GSL Season 3 erreichen. Kannst du beschreiben, was es für ein Gefühl war, als erster Ausländer in Korea mit den absoluten Topspielern mithalten zu können?
Es fühlte sich an, als könnte ich auf Wasser laufen. Unwirklich und traumhaft.

Hattest du es damals erwartet, dass du es ins Halbfinale schaffen würdest?
Ich hatte nicht viel erwartet und bin unvoreingenommen und hochkonzentriert an das Turnier herangegangen. Ich habe die Dinge genommen, wie sie kamen, was die beste Sichtweise ist. Es war die letzte Möglichkeit einen direkten Code S Seed (Top 8) zu erreichen und jeder, der das nicht bereits geschafft hatte, hatte das als Ziel.

Reden wir über deine Zeit in Korea. Kam dir etwas besonders befremdlich vor, als du zum ersten Mal in Korea warst, verglichen zu deinem bisherigen Leben in Schweden?
Natürlich ist es ein großer Unterschied, wenn du von Zuhause plötzlich in ein Team House ziehst, aber eigentlich nur, dass hier in Korea alles rund um die Uhr geöffnet hat. In Schweden schließen Geschäfte früher.

Wie gut hast du Korea in den letzten Monaten kennengelernt? Haben Progamer in Korea Zeit für Hobbys oder am Wochenende frei, oder galt deine volle Konzentration dem Spielen von StarCraft 2?
Leider habe ich es nicht so gut kennenlernen können, wie ich es mir gewünscht hätte, aber das liegt nicht nur an SC2. Man kann definitiv mehr von Korea kennenlernen, als ich es bisher getan habe, aber das hatte auch Gründe. Ich habe oft und ausschließlich nur geübt und bin ins Fitnessstudio gegangen. Außerdem habe ich angefangen BJJ (Brazilian Jiu-Jitsu, d. Red.) zu trainieren und das mache ich jetzt ziemlich oft. Das nimmt schon eine Menge Zeit in Anspruch.

Viele Spieler hoffen auf eine Chance in Korea trainieren zu dürfen, um sich zu verbessern. Inwiefern hat das Training in Korea deine Spielweise in StarCraft 2 verändert? Ist es nur die Menge an Training, die einen Spieler besser macht, oder was genau hat zu deiner Leistungssteigerung beigetragen? Wie sehr haben dir deine koreanischen Teamkollegen geholfen, dein Gameplay zu verbessern?
Anfangs war der größte Vorteil, dass ich nur gegen bessere Spieler in der Ladder spielte. Später folgten dann täglich die In-House Ranking Games, die, meiner Meinung nach, wirklich hilfreich für jeden von uns waren. Nahezu jeder Progamer, mit dem ich gesprochen habe, mag Ranking Games nicht, da sie sich wie Arbeit anfühlen, aber wenn man diese dann ersteinmal hinter sich hat, fühlen sich Ladder Games so an, als würde man ein paar Runden spielen, nachdem man von der Schule nach Hause gekommen ist. Ich denke es war ein Fehler, dass wir die Ranking Games im Frühling 2011 abgeschafft haben.

Du hast sowohl mit Koreanern, als auch mit anderen ausländischen Spielern im oGs/TeamLiquid House innerhalb der letzten zwei Jahre in Korea trainiert. Gab es Unterschiede in der Art, wie sie trainierten?
Wie ich ja bereits schon sagte, hatten wir die Ranking Matches und es war alles sehr genau strukturiert. Aus irgendwelchen Gründen haben wir damit aufgehört und für mich hatte der Verlust dieser Stuktur negative Auswirkungen und ich verlor mehr und mehr die Motivation. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, wäre das einer der Punkte, die ich ändern würde. Wenn ich jemals als Coach arbeiten sollte, dann würde ich die Ranking Games wieder einführen, obwohl ich weiß, wie sehr die Spieler -und ich zähle mich dazu- diese Matches verabscheut haben. Sie waren gut.

Was denkst du sind die Hauptgründe, warum die meisten ausländischen Spieler immer noch einen Schritt hinter dem Level der Koreaner zurückliegen?
Die bereits erwähnte Struktur, dass man nicht mit den Leuten zusammenlebt, mit denen man darüber diskutieren kann was schief gegangen ist und was man verändern sollte, wann immer man gegen jemanden verloren hat. Das sind die Vorteile von Ranking Games. Ich habe andauernd Ensnare um Ratschläge gebeten, genau wie MC, TheWind, Gon und nahezu jeden im Team.

Ein kleiner Blick in die Vergangenheit: Du hast an vielen Turnieren teilgenommen, dazu zählen die MLG, der Homestory Cup und natürlich die GSL. Was war der beste Moment in deiner Karriere?
Vielleicht das Erreichen des Code S oder als ich Choya besiegt habe und ins Halbfinale einzog. Es war großartig, alle Teamkollegen haben zugesehen. Die Serie ging von einem 2-0 über ein 2-2, bis hin zum 3-2 und ich gewann letztendlich. Eine schöne Erinnerung.

Danke für das Interview, Jonathan. Dir gehören die letzten Worte.
Ich danke euch allen fürs Zuschauen :)

Quellen:
Dennis 'chimp' Breer
registriert seit 12.09.2012
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#1 Kommentar von crz (14.05.2013 - 23:22):

sehr schönes interview, muss ich schon sagen :) was sagt ihr dazu? Ich kenn mich in dem Genre so gut wie garnicht aus :D Aber seine Einstellung gefällt mir :>

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