Zehn Jahre hat es bis zur Fortsetzung gedauert: Shadows: Heretic Kingdoms führt die Heretic Kingdoms-Saga nach dem ersten Teil namens Kult fort und spielt ganze 20 Jahre nach dessen Geschehnissen. In dieser langen Zeit hat sich gameplay-technisch einiges geändert: Welche besonderen Features Shadows: Heretic Kingdoms so interessant machen, erfahrt ihr in diesem Test.
Grundsätzlich ist Shadows: Heretic Kingdoms ja ein ganz normales Indie-Hack-&-Slay, wie es zurzeit so einige gibt. Vom Prinzip her hält es am Grundrezept des Genres fest und sieht daher auch eigentlich so aus wie seine meisten Hack-&-Slay-Pendants. Jetzt jedoch das große Aber: Immer wieder streut Shadows neue, originelle Elemente ein, die dem Spiel seinen ganz eigenen Touch geben. Natürlich spielen wir in der Vogelperspektive, arbeiten uns durch lineare Level und töten ganze Scharen von Gegnern – aber das tun wir mit verschiedenen Charakteren und in zwei Quasi-Parallel-Welten.
Shadows: Heretic Kingdoms lässt uns tatsächlich jederzeit zwischen verschiedenen Charakteren wechseln. Und dieses Feature gehört direkt zu Beginn erwähnt, denn es ist der Grundstein, auf dem der Großteil der Spielmechaniken aufbaut, es ist das Element, das hauptsächlich dafür verantwortlich ist, dass Shadows zu einem richtig guten Rollenspiel wird. Bedingt wird diese Besonderheit durch die Story: Wir spielen nämlich endlich einmal keinen weltrettenden Helden in der glänzenden Rüstung. Na ja, im Endeffekt vielleicht schon. Aber eigentlich sind wir ein ganz schön böser, Seelen konsumierender Dämon.
Dieser Dämon ist ein sogenannter ‚Devourer‘, der von dem letzten Verbleibenden des Geheimordens Penta Nera beschworen wurde. Ein verzweifelter und gewagter, aber auch notwendiger Schritt. Die vier anderen Mitglieder von Penta Nera wurden nämlich ermordet und ihre Seelen von anderen Dämonen verschlungen. Die Devourer haben die Gabe, die körperlichen Hüllen von Menschen einzunehmen, sie als „Marionetten“ zu benutzen. Obwohl die Menschen also eigentlich tot sind, können die Dämonen ihre Körper und ihren Geist immer noch nutzen, um die Welt nach ihren Geschicken zu lenken. Der Devourer, den wir steuern, hat derweil eine besondere Kraft: Er kann gar mehrere Seelen auf einmal absorbieren und so zwischen verschiedenen Marionetten hin- und herwechseln. Das können wir zu quasi jedem Zeitpunkt und ist ein essentieller Bestandteil des Spiels, die Welt von Shadows: Heretic Kingdoms besteht nämlich aus einer Geister-Schatten-Welt, die wir nur als Dämon selbst betreten können, und der „normalen“ Welt, in der wir ausschließlich mit den Marionetten verbleiben dürfen.
Zu Beginn des Abenteuers wählen wir einen von drei gefallenen Abenteurern und damit zwischen den klassischen Klassen Fernkämpfer, Krieger und Magier. Letztendlich festgelegt haben wir uns damit allerdings auf keinen Fall: Während des Spiels sammeln wir regelmäßig neue Hüllen, die wir daraufhin in unserer Marionetten-Sammlung wiederfinden und beliebig unserer Gruppe von bis zu drei Marionetten hinzufügen können, zwischen denen wir ständig wechseln können. Immer wieder gibt es daher Nachschub für unsere jederzeit besuchbare Sammlung in der Schatten-Welt: Sei es ein flinker Gnom-Bogenschütze, ein schwerfällig-robuster Golem, oder ein Ent – während der Story und auch per Nebenquests gibt es insgesamt 15 Charaktere zu entdecken.
Im Spiel erwartet uns eine generische, aber stimmige Welt. Los geht es für uns in den „Outlands“. In einem Keller der arabisch anmutenden Wüstenstadt Thole werden wir von dem erwähnten, sich im Exil und auf der Flucht befindenden High Sage der Penta Nera, Krenze, beschworen. Weil das Ritual ohne Pakt durchgeführt wurde, ein gefährliches Unterfangen, sind unsere Möglichkeiten größer als die der anderen Devourer: Wir können mehrere Seelen kontrollieren und beliebig auf sie zurückgreifen. Notgedrungen schließen wir Friede mit Krenze: Schließlich verfolgen wir dasselbe Ziel, die Zerstörung des Crucible of Souls“ und damit die Rettung der Welt. Erklärt wird uns allerdings nicht viel, erst im Laufe des Spiels ergeben die vielen in den Raum geworfenen Namen langsam Sinn und Verbindungen werden klar.
Shadows: Heretic Kingdoms schmeißt uns nach dem kleinen, storybasierten Intro ins kalte Wasser. Tutorial? Fehlanzeige. Das ist aber überhaupt kein Problem, denn das Gameplay ist wirklich simpel. Mit dem Genre vertraute Spieler dürften von Anfang an voll durchstarten können, aber auch Neulinge können von den aufs Einfachste heruntergebrochenen Mechaniken kaum irritiert werden. Jedem Charakter steht ein Basis-Angriff zur Verfügung, darüber hinaus kann jeder Charakter vier seiner fünf speziellen Fähigkeiten mitnehmen. Fähigkeiten werden über entsprechende Punkte erlernt, von denen wir mit jedem Levelaufstieg immer abwechselnd einen und zwei erhalten. Alle Charaktere sammeln gleichzeitig Erfahrung, steigen also gleichzeitig auf, jede Fähigkeit lässt sich zudem bis zu viermal verbessern. Bessere Fähigkeiten und höhere Verbesserungs-Stufen müssen wir per Level-Aufstieg freischalten. Zudem gibt es noch passive Fähigkeiten, außerdem hat jede der aktiven Fähigkeiten zwei optionale Nebeneffekte, die wir aktivieren können.
Abgesehen davon trägt jeder Charakter individuelle Waffen und Ausrüstung, welche wir während des Spiels finden, beim Händler kaufen oder selbst herstellen können. Viel Abwechslung dürfen wir aber nicht erwarten: Ein Loot-Spektakel à la Diablo gibt es nicht. Stattdessen finden wir vielleicht alle 20 bis 30 Minuten mal einen Ausrüstungsgegenstand, dafür ist dieser aber in der Regel auch besser als der, den wir bereits besitzen. Spannend wird die Ausrüstung dadurch, dass wir normalerweise in einer Charakter-Gruppe keine zwei Personen haben, die dieselbe Ausrüstung benutzen. Und so geht dann der große Bogen an unseren Schützen, die Zweihand-Hellebarde an den Krieger und die Schatten-Waffe kann eh nur vom Devourer selbst getragen werden.
Auch mit Erfahrungspunkten geht Shadows: Heretic Kingdoms nicht gerade großzügig um. Levelaufstiege sind etwas, worauf wir uns lange, lange Zeit freuen können, denn hier ist Geduld angebracht. Nach sechs Teststunden waren wir gerade einmal Level 8…! Die notwendige Zeit wurde nach oben hin logischerweise sogar noch länger.
Das hängt allerdings auch mit der enormen Länge des Spiels zusammen. Nach einer Early Access-Phase bezieht sich dieser Test auf das nun erschienene erste Buch. Dieses besteht aus drei Kapiteln, die jeweils in unterschiedlichen Gebieten spielen, von der Wüste zum Wald. Damit alleine kommen wir beim lockeren Durchspielen auf über ein Dutzend Stunden. Im Frühjahr 2015 folgt das zweite Buch, welches die Geschichte fortspinnt und wohl noch einmal so viel Spielzeit ergänzt. Und dabei ist nicht einberechnet, dass sich Shadows: Heretic Kingdoms gut erneut durchspielen lässt, nämlich mit einem anderen Hauptcharakter.
Langweilig wird uns in Shadows: Heretic Kingdoms aber trotzdem nicht, denn die Story treibt uns während der gesamten Spielzeit voran und hat kaum Durchhänger. Dasselbe lässt sich vom Gameplay leider nicht behaupten: Nach über fünf Stunden in der Wüste wird die generische Umgebung doch ziemlich langweilig, neue Gegnertypen werden uns selten präsentiert und abwechslungsreich ist das Spiel wirklich nicht. Denn eigentlich will Shadows: Heretic Kingdoms ein Hack & Slay sein. Nur mit dem „Slay“ wird es mit zunehmendem Spielverlauf immer und immer schwerer…
Denn Shadows: Heretic Kingdoms ist einfach verdammt schwer, und während der zahlreichen Teststunden konnten wir den Grund dafür nicht finden, nicht merken, wie das an uns liegen sollte. Grundsätzlich durchlaufen wir ständig mehr oder weniger große, fast immer linear verlaufende Gebiete, in denen sich uns alle paar Meter ein oder mehrere Gegner entgegenstellen. Das Problem dabei ist aber: Die Gegner sind nicht nur wenig abwechslungsreich, sondern vor allem extrem stark. Selbst auf der leichtesten von drei Schwierigkeitsstufen mussten wir zusehen, wie uns ein einzelner niedrigstufigerer (!) Gegner verkloppt. Ganz zu schweigen davon, wenn fünf oder zehn Stück dieser Biester hinter uns herrennen! Oder wenn wir auf einmal zwei Level unter den Gegnern sind – obwohl das unmöglich sein müsste, weil wir zuvor jede kleine Nebenquest mitgenommen und jeden Gegner ausgeräumt hatten.
In Zahlen ausgedrückt: Wenn unser Gegner 2733 Leben hat (zum Vergleich: Unser Hauptcharakter zu dem Zeitpunkt 1400) und wir ihm mit jedem Angriff nur 90 Schaden machen, dann ist das verdammt frustrierend. Nein, das war kein Boss- oder irgendwie besonderer Gegner. Ja, wir hatten die neuesten Waffen und alle Skillpunkte verteilt. Ja, der Gegner war auf derselben Stufe wie wir! Rein rechnerisch müssen wir also bei dem einen Angriff, den wir pro Sekunde machen, 30 Sekunden auf einem einzigen Feind herumhauen? Dabei beachten wir nicht, dass wir uns vor seinen mit der Zeit sehr schmerzhaften Schlägen (in 30s hochgerechnet über 1000 Schaden) in Sicherheit bringen müssen und vor allem, dass wir es auch gerne mal mit drei dieser Gegner zu tun haben!
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Nach Entwickler-Angaben soll dies eigentlich ein Feature sein. Nicht die Gegner seien zu stark, sondern wir zu schwach. Woanders weitermachen, neue Items besorgen, Level aufsteigen, später wiederkommen. Und tatsächlich ist dies das einzige, was mir machen können. Gameplay nutzen, um auch schwerere Gegner zu besiegen? Unmöglich! Die Monster sind viel zu schnell, greifen viel zu häufig an, einige heilten sich sogar mit extremem Lebensraub gegen unseren Schaden an. Als Fernkämpfer Gegner kiten? Vollkommen undenkbar in den engen Levels. Der Kampf ist aufs Simpelste heruntergebrochen, und besonders als Nahkämpfer ist es ein reiner Schlagabtausch, nicht mehr. Wer mehr aushält als der Gegner, gewinnt das Gefecht – wie langweilig!
Bleibt uns also nur, später wiederzukommen. Aber jetzt umkehren und dann in niedrigstufigeren Gebieten grinden? Das widerspricht dem ansonsten sehr linearen Spielfluss, dauert buchstäblich stundenlang und am Ende kommt für uns trotzdem nicht genug bei herum. Denn das Skill-System in Shadows: Heretic Kingdoms ist viel zu simpel und bietet keine Tiefe. Jeder Charakter hat vorgegebene Fähigkeiten, wir können maximal bestimmen, in welcher Reihenfolge wir sie auf die höchste Stufe bringen und werden auch dabei von Levelbeschränkungen an der kurzen Leine gehalten. Dazu kommt, dass das Levelling wie angesprochen sehr lange dauert. Und wenn wir denn mal aufsteigen, machen wir halt 50 Schaden mehr oder haben 5% mehr Angriffstempo – das ist dürftig und fühlt sich nach nichts an. Nicht einmal Attributspunkte dürfen wir verteilen, nur eben eine oder zwei Fähigkeiten aufwerten. Die Charaktere mit Items zu individualisieren funktioniert ebenfalls nicht so recht, weil wir davon einfach viel zu wenig finden.
Dabei zeigt Shadows: Heretic Kingdoms doch immer wieder, wie viel mit den Spielmechaniken möglich gewesen wären, ja, hin und wieder blitzen gar geniale Features auf. Wir können jederzeit den Körper wechseln, uns also theoretisch an die jeweilige Kampfsituation anpassen. Wir könnten mit dem Fallensteller einige Minen verteilen, dann als Bogenschütze aus sicherer Distanz einen Pfeilhagel auf die Gegner regen lassen, bevor wir ihnen in Gestalt eines Golems ihm Nahkampf gegenübertreten und, wenn diesen langsam die Lebensergie verlässt, als sich selbst heilender Werwolf den Rest erledigen. In der Praxis erweist sich das leider nicht als so sinnvoll und durchführbar, wie es sich auf dem Papier anhört, trotzdem macht es viel Spaß, mit den verschiedenen Charakteren zu experimentieren.
Am interessantesten wird das Spiel jedoch durch den Wechsel zwischen der menschlichen und der Schattenwelt. Auch das ist uns jederzeit möglich, in Gestalt des Devourers. Doch in dieser schemenhaften Welt warten ebenfalls fiese Gegner, Dämonen und Geister. Trotzdem kann es manchmal sinnvoll sein, die Welt zu wechseln: Wenn uns ein übermächtiger Gegner gegenübersteht, können wir uns oft einfach in der Schattenwelt an ihm vorbeischleichen und danach in der echten Welt weitermachen. Manchmal ist es sogar notwendig, sich in die Schatten zu begeben: Einen Zombie beispielsweise, der immer wieder aufsteht, wenn wir ihn töten, müssen wir erst niederschlagen und dann seinen Geist in der Schattenwelt besiegen, damit er seine Ruhe findet. Das ist total cool! Viele der generell banalen Rätsel spielen ebenfalls mit den verschiedenen Wahrnehmungen in realer und Geister-Welt.
Leider kratzt Shadows: Heretic Kingdoms oft nur an dieser Genialität und kann sie selten ausschöpfen. Generell passiert im Spiel einfach nicht genug: Die immergleichen Gegner in den immergleichen Schlauchleveln führen selten mal zu einem Boss, der sich dann aber nicht durch besondere Mechaniken, sondern rohe Stärke auszeichnet. Auch das ist ein allgemeines Problem des Titels: Die Gegner sind einfach nicht interessant, sondern reine Hau-Drauf-Männchen, sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Anspruchsvolle Mechaniken, die wirklich gutes Gameplay belohnen, fehlen.
So wird Shadows: Heretic Kingdoms vor allem durch die wirklich gute Story und den außergewöhnlichen Hauptcharakter vorangetrieben. Schön ist auch, dass wir gleich so viel davon bekommen, denn die mit Story gefüllte Spielzeit ist ordentlich. Unterstützt wird das von einem wirklich wunderbaren Soundtrack. Der ist viel besser, als wir es von dem Indie-Spiel erwartet hätten, klingt einfach grandios und passt perfekt zu den Spielgebieten. Der arabische Touch von Thole spiegelt sich eins zu eins in der Musik wieder, die Schattenwelt wurde genau so gut eingefangen. Ansonsten ist Shadows: Heretic Kingdoms technisch nicht auf dem neuesten Stand, die klobigen Modelle im Spiel tun der Atmosphäre dank passendem Design aber keinem Abbruch.
| Shadows: Heretic Kingdoms | |||||||||||||
| Publisher: | bitComposer Games | Releasetermin: | 20.11.2014 | Preis: | 29,99 Eur | Plattform: | PC | ||||||
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