Letztes Jahr, als Ubisoft Assassin’s Creed Rogue für die Last-Gen-Konsolen herausbrauchte, konnten wir die Serien-Fortsetzung leider nicht testen. Das holen wir jetzt nach! Denn heute erscheint Assassin’s Creed Rogue nach einigem Hin und Her für den PC. Wir haben geprüft, ob die Portierung gut gelungen ist, die PC-Version technisch überzeugt und ob Rogue spielerisch mit dem „großen Bruder“ Assassin’s Creed Unity mithalten kann.
Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erleben… Und zwar eine ganz Menge. Da wollten wir eigentlich nur schnell zu unserem gerade mal 2 Kilometer entfernten Kontaktmann schippern, um die Hauptquest fortzusetzen – und sind nach einer Stunde immer noch nicht dort angekommen. Was ist denn eigentlich passiert? Da schwamm erst dieser Narwal, den wir erlegten, um an seinen Stoßzahn zu kommen. Damit konnten wir endlich unsere Ausrüstung upgraden, wobei uns ins Auge stach, dass wir für den neuen Munitionsgürtel nur noch ein Biberfell brauchten – also schnell zu der Insel da vorne, dort huschen die Nagetiere im Dickicht herum. Jetzt aber als stolze Besitzer eines schicken neuen Kleidungsstück wieder auf den Weg zur Hauptmission. Moment mal, bei der Gelegenheit könnten wir doch gerade noch unser Schiff verbessern, das dürfte für das bevorstehende Gefecht hilfreich sein. Wie wär’s mit neuen Kanonen? Mist, dafür brauchen wir mehr Metall… Kein Problem, kapern wir doch die Brigg dort vorne, die hat davon massig geladen. Danach schnell zum nächsten Hafen zwecks Montage gefahren – Hey, ist das da vorne eine Gruppe Pinguine? Wie süß! Die müssen wir uns aus der Nähe ansehen!
….wo wollten wir nochmal genau hin?…
Assassin’s Creed Rogue ist riesig. Drei große Gebiete stehen uns in dem abschließenden Teil der Amerika-Saga fast von Beginn an zu vollständig freien Erkundung offen: Der eisige Nord-Atlantik, das bergige, von Flüssen durchzogene River Valley und die Metropole New York. Und an wirklich jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken, sei es eine Siedlung, ein Militär-Camp, ein Bandenhauptquartier, ein Fischerdorf, ein verlassenes Schiff, ein Jagd-Gebiet, eine einsame Schatztruhe oder, oder, oder… Immer wieder werden wir abgelenkt von den unzähligen Tätigkeiten, die uns Assassin’s Creed Rogue in den Weg wirft. Das ist aber gar nicht schlimm, denn sie sind weit diverser als noch im Vorgänger Black Flag und fühlen sich viele Stunden lang abwechslungsreich und frisch an. Mal klettern wir durch ein Schiffswrack, mal befreien wir eine Siedlung aus den Händen unserer Gegner und mal bleiben wir einfach auf einem Hügel stehen, um die Aussicht zu genießen.
Ach ja, und ’ne Hauptstory gibt’s, auch wenn wir sie viel zu oft hinten anstellen, um die Welt auf eigene Faust zu erkunden. Sie hätte so toll werden können: Wir schlüpfen in die Rolle von Shay Patrick Cormac, einem aufstrebenden jungen Assassinen. Der hat aber bald gestrichen die Schnauze voll den Sitten in dem Geheimbund und wechselt ziemlich früh im Spiel die Seiten, kämpft danach für die Templer und gegen seine alten Brüder. Was auf dem Papier nach einer spannenden Prämisse klingt, verkommt leider im Spiel zu einer leidenschaftslosen und oberflächlichen Geschichte, die nicht ansatzweise ihr Potential entfalten kann. Das liegt zum einen daran, dass der Hauptcharakter extrem blass bleibt, wir erfahren viel zu wenig über ihn. Zum anderen nimmt sich Rogue quasi keine Zeit, um die Story zu erzählen. Sämtliche Nebencharaktere werden in wenigen Sätzen abgehandelt, pathetische Phrasen wie „Wir haben keine Zeit zum Reden!“ hören wir immer wieder als Entschuldigung. So bauen wir keinerlei emotionale Bindung auf, es ist uns völlig egal, wenn wir als Shay Jagd auf die früheren Verbündeten machen.
Dazu kommt, dass die Geschichte oft an den Haaren herbeigezogen, unglaubhaft wirkt. Shay wendet sich von seinen Schwur-Brüdern ab, weil er die Vernichtung unschuldiger Leben für übergeordnete Ziele nicht akzeptiert, er hadert in Zwischensequenzen mehrfach mit den ihm gegebenen Anweisungen, wenn er einen Todkranken umbringen muss. Hingegen ist es augenscheinlich kein Problem, wenn wir eine Gruppe von Soldaten umlegen, weil wir gerade Lust drauf haben, und im Spiel ist es auch nicht verwerflich, einem verwundet auf dem Schlachtfeld liegenden Soldaten die Klinge in den Bauch zu hauen. Generell sind viele Story-Wendungen viel zu schnell vollzogen und kaum nachvollziehbar, was der Atmosphäre schadet.
Dafür treffen wir auf viele alte Bekannte, sei es Freund oder Feind. Riesige Erkenntnisse zur spielübergreifenden Amerika-Story gibt es nicht (und die Abstergo-Rahmenhandlung nervt mehr als je zuvor), aber die Geschichte gibt uns einen roten Faden, schickt uns kreuz und quer durch die Welt und bietet abwechslungsreiche Missionen.
Die Welt, das ist eine Zusammenstellung aus abwechslungsreichen Gebieten. Zum einen pflügen wir durch den mit Eisbergen und -flächen bedeckten Nordatlantik, zum anderen schlängeln wir uns durch die engen Windungen des River Valley. Die beiden Areale haben eine angemessene Größe und sind jeweils vollgepackt mit Aktivitäten, Ansiedlungen und auch Zufallsereignissen wie Grenz-Konflikten oder Seeschlachten. Dazu unternehmen wir Abstecher in die atmosphärisch bestechend dichte Stadt New York des 18. Jahrhunderts, in der wir Stunden damit verbringen können, sämtliche Stadtteile von Gegnern zu säubern, Hauptquartiere zu erobern und Gegenstände wie Truhen, Animus-Fragmente und Shanties für die Crew einzusammeln.
Wer früh damit anfängt, sich auf Nebenaktivitäten zu konzentrieren, der wird entsprechend entlohnt. Im ersten Viertel der Story schalten wir ein für die Serie neues Wirtschafts-System frei, über das wir uns ein regelmäßiges Einkommen sichern können. Wenn wir feindliche Hauptquartiere, Siedlungen oder Wirtschaftszonen übernehmen (indem wir das jeweilige Areal von Gegnern säubern), dann ergänzt sich für jedes der Gebiete eine bestimmte Menge Geld zu dem täglichen Einkommen. Außerdem bauen wir überall im Land an festgelegten Stellen neue Gebäude auf, die ebenfalls das Einkommen mehren. Dafür brauchen wir Ressourcen, die wir wie gewohnt von anderen Schiffen erbeuten können. Wer von Anfang an immer wieder etwas Zeit in diese Nebenmissionen setzt, braucht sich um Geld nicht mehr groß zu kümmern. Davon brauchen wir tatsächlich relativ viel: Neue Schwerter und Pistolen gehen richtig ins Geld, auch die Schiff-Upgrades kosten Kröten (und Ressourcen).
Eine weitere Aktivität ist das aus den Serien-Vorgängern bekannte Flotten-Management. Ab einem bestimmten Zeitpunkt können wir gekaperte Schiffe unter unsere Fuchtel stellen und auf verschiedene Missionen schicken, um noch mehr Geld zu verdienen. Das System wurde übrigens merklich verbessert und wird durch neue Komfort-Funktionen und bessere Balance deutlich interessanter als noch in Black Flag. Außerdem sammeln wir wie gewohnt Truhen, jagen Animus-Fragmente, vergrabene Schätze, alte Relikte und lösen Eingeborenen-Rätsel. Es gibt wirklich immer irgendetwas zu tun, das uns von der Hauptquest abhält. Puristen, die Assassin’s Creed Rogue zu 100% durchspielen möchten, werden unzählige Stunden vor dem Bildschirm verbringen müssen, was sich durch die liebevoll gestalteten, immer unterschiedlich aussehenden Welt-Abschnitte und die diversen neuen Nebenaufgaben aber nicht so repetitiv anfühlt wie noch im Vorgänger Black Flag.
Auch technisch zeigt sich Assassin’s Creed Rogue grundsolide. Zwar merkt man deutlich, dass das Spiel von Xbox 360 und PlayStation 3 kommt, aber Ubisoft hat noch einiges herausholen können. Bis auf ein viel zu häufig auftretendes Kantenflimmern und die fast schon zu schlechte Darstellung der Natur ist das Game bildhübsch. Zwar könnte die Weitsicht in den Städten teilweise einen Tick höher und generell mehr Beleuchtungseffekte vorhanden sein, aber insgesamt präsentiert Assassin’s Creed Rogue eine stimmige und absolut atmosphärische Welt, die fast schon gegensätzlich mit einer großen offenen Welt und einer Liebe zum Detail mit hochwertigen Texturen punktet. Für mich sieht Rogue, auch wegen der bezaubernden Schnee- und Eislandschaften, aus wie ein schöneres Assassin’s Creed III.
Wer eine ebenso grottige Portierung wie bei Assassin’s Creed Unity erwartet hat, dem sei hiermit Entwarnung gegeben: Ubisoft hat diesmal tatsächlich einen sehr guten Job gemacht. Die Framerate ist flüssig, das Grafik-Menü bietet ausreichend Einstellungs-Vielfalt (auch wenn besseres Anti-Aliasing wünschenswert wäre) und die Steuerung läuft problemlos. Wie immer gilt: Mit Tastatur steuert sich das Spiel gut, mit Controller besser. Abgesehen von einigen Situationen, in denen Shay nicht verstand, wohin er nun klettern sollte, gab es nichts zu meckern.
Mecker-Bedarf gibt es nur bei der KI: Die ist strohdumm und sorgte im Test für mehrere Lachanfälle, wenn sie mal wieder total versagte. Zwei Soldaten auf einer Leiter, einer möchte hinauf- und einer hinabgehen – eine Überforderung für das Spiel, die nach zwei Minuten und 10 Stürzen (und 10 Neuversuchen…) damit endete, dass sich beide Computerfiguren vom Acker machten. Vielleicht arbeiten sie jetzt als Dorftrottel. Aber im Ernst: Wenn man nicht genauer hinschaut, fallen solche Totalausfälle nicht auf, denn an sich sieht es besonders in den belebten Städten so aus, als gehe jeder NPC einer bestimmten Aufgabe nach, was der Atmosphäre äußerst gut tut – wenn man nur nicht zu nahe herankommt und länger als einige Sekunden zuschaut, denn dann passieren teilweise die absurdesten Dinge.
Auch beim Kampf hat sich bezüglich der Gegner-Intelligenz leider nicht viel getan. Wir schnetzeln uns ohne Probleme durch Dutzende Assassinen und Soldaten, ohne einmal in Gefahr zu geraten. Dem Kontern sei Dank… Hier und da ein Knopfdruck zur rechten Zeit und wir sind quasi unbesiegbar, erst recht, wenn wir erst einmal Gesundheits-Upgrades und bessere Waffen ausgerüstet haben.
Apropos Waffen: Das Arsenal wurde tüchtig aufgestockt. Shay greift als Ex-Assassine nicht nur auf die Techniken der Bruderschaft zurück, sondern ist zudem im Besitz eines einzigartigen Luftgewehrs, mit dem wir lautlos Berserker-, Schlaf- und Knallkörper-Pfeile verschießen können. Außerdem tragen wir einen Granatwerfer mit uns herum, mit dem wir ganze Gruppen von Gegnern lahmlegen können. Auch am Kampfsystem auf See hat sich etwas getan. Statt Feuerfässer zu werfen, können wir nun einen ganzen brennenden Teppich über das Wasser legen und das Puckle-Gewehr richtet ordentlich Schaden an, nachdem wir Schwachstellen an gegnerischen Schiffen offengelegt haben. Oder wir mähen die feindlichen Crews beim Entervorgang im Dutzend nieder.
Die neuen Gadgets machen das Spiel tatsächlich noch etwas einfacher, gerade weil das Konter-System viel zu stark ist. Mit Rauchgranaten einfach im Kampf abzutauchen und mit Giftfässern die Gegner im Dutzen auszuschalten, macht uns schnell übermächtig. Gut, dass der Kampf ein wenig erweitert wird: Weil die Assassinen Jagd auf uns machen, lauern ab einer bestimmten Stelle in der Story überall in der Welt getarnte Assassinen. Die können sich wie wir auch in einem Heuhaufen verstecken, sich unter die Menge mischen oder von Dächern herabspringen. Wenn wir nicht stets aufpassen, kann uns ein solcher Meuchelmörder schmerzhaft erwischen. Der Adlerblick hilft uns hier allerdings weiter. Ebenfalls eine zu begrüßende Neuerung ist die Tatsache, dass uns von Assassinen geführte Schiffe nun entern können – wir werden also immer wieder in die Opfer- und Verteidiger-Rolle gesteckt. Das fühlt sich dynamisch an und war eine tolle Idee der Entwickler. Insgesamt bleibt Rogue allerdings doch zu einfach, bei nicht einstellbarer Schwierigkeit.
Super ist es da, dass wir diese Überlegenheit nun etwas freier nutzen können. Insgesamt fühlen sich besonders die Missionen trotz passender Inszenierung sehr linear an, aber gerade wenn es um das Einnehmen von Hauptquartieren oder Wirtschaftszonen geht, entfaltet sich das Potential des Assassinen-Spiels. Hier können wir frei wählen, wie wir vorgehen. Laufen wir von vorne in das bewachte Areal und kloppen einfach jeden nieder, der sich uns in den Weg stellt (und nehmen die daher wegfallende Belohnung in Kauf)? Oder schleichen wir um das gesamte Lager, suchen uns einen passenden Hinter-Eingang und wählen strategisch unseren Weg, um absolut unentdeckt zu bleiben?
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Diese spielerische Freiheit bleibt bei den Story-Missionen leider außen vor. Die gaukeln uns zwar vor, dass wir den Weg wählen würden, wer aber einmal stehen bleibt und sich umschaut, merkt schnell, dass die meisten Laufwege extra so gebaut wurden und die Level so sehr linear bleiben. Ad absurdum geführt wird das durch die jeweils zwei „optionalen Missionsziele“, für deren Erfüllung wir bspw. in einer Mission nicht entdeckt werden oder niemanden töten dürfen. Was macht das für einen Sinn in einem ansonsten freien Spielkasten? Wieso werden diese Aufgaben als „optional“ betitelt, wenn wir ohne ihre Erfüllung die Mission laut Spiel nicht zu 100% geschafft haben? Ubisoft zwingt den Spieler förmlich auf diese Art, die Missionen auf vorgegebene Weise zu spielen. Und das kann doch gar nicht im Sinne der Entwickler liegen – lasst doch den Spieler entscheiden, wie er im jeweiligen Level vorgehen möchte!
Vielleicht dient dieses An-Die-Leine-Nehmen aber ja dazu, das Spiel nicht zu überfordern. Denn regelmäßig trafen wir auf teils unschöne Bugs, diverse Clipping-Fehler mal außen vor gelassen. Keiner davon war gamebreaking oder hatte größeren Einfluss, aber die Atmosphäre stört es halt schon, wenn ein Schiff versucht, durch eine Wand zu fahren, wenn ein Bürger durchs Bild schwebt, wenn ein NPC plötzlich nicht auf Deutsch synchronisiert wurde und auf einmal Englisch redet oder wenn Shay in einer Zwischensequenz einfach mal unsichtbar ist. Deswegen übrigens auch keine 10 Punkte in der Wertung für die ansonsten meiner Meinung nach großartige Spielwelt.
Unterm Strich steht jedoch ein absolut stimmiges Assassinen-Abenteuer. Vielleicht könnte man es als „Oldschool“-Assassin’s Creed bezeichnen, weil es sich auf alte Werte besinnt, statt wie Unity neue einzuführen. Assassin’s Creed Rogue kreiert eine Spielwelt, die äußerst realistisch aussieht und in der wir uns Dutzende Stunden lang austoben können, die Hauptstory nicht mit eingerechnet. Die Aufteilung von Land- und See-Aktivitäten ist sehr gut gelungen und es vergeht nicht eine halbe Minute, in der wir nicht etwas Neues entdecken würden, das uns für die nächste Viertelstunde in Anspruch nimmt. Assassin’s Creed Rogue hat so viele Facetten und balanciert sie gekonnt aus – für mich als Entdeckungs-Fanatiker und Gewohnheitstier ist es im Vergleich zu Unity die begehrenswertere Wahl.
| Assassin’s Creed Rogue | |||||||||||||
| Publisher: | Ubisoft | Releasetermin: | 10.03.2014 | Preis: | 49,99 Eur | Plattform: | PC | ||||||
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