Ganze 25 Jahre ist es her, seitdem der Rollenspiel-Klassiker Wasteland Fans von Endzeit-Szenarien entzücken konnte. Rollenspieler der alten Schule suchen seitdem nach Nachschub, welcher in die gleiche Kerbe wie Fallout schlägt. InXile Entertainment will dieses Kunststück nun vollbringen und bringt Wasteland 2 in die Startlöcher. Wie sich das Endzeit-PRG schlägt, erfahrt ihr im folgenden Test.
Wer dem großartigen Divinity – Original Sin aufgrund seiner Fantasy-Welt nichts abgewinnen konnte, wird vielleicht mit Wasteland 2 zufrieden gestellt. Der Nachfolger des 25 Jahre alten Klassikers bietet eine glaubhafte, post-apokalyptische Welt mit jeder Menge schwarzem Humor. Zwar spielt das neue Wasteland 15 Jahre später im gleichen Endzeit-Szenario, aber den Vorgänger muss man trotz vieler Anspielungen nicht kennen. Entwickler Brian Fargo zeichnet sich mit seinem neuen Team, inXile Entertainment, für die Programmierung verantwortlich. Fargo war auch schon für den Erstling zuständig und rief für den Nachfolger eine erfolgreiche Kickstarter-Kampagne ins Leben.
Das Problem mit der wüsten Wüste
Ein Echtzeit-Intro stimmt uns zu Beginn auf das deprimierende Endzeit-Szenario ein und weiht uns in die, zugegebenermaßen, standartisierte Ausgangslage ein. Ein nicht näher erwähnter, nuklearer Krieg hat die Erde, wie wir sie kennen, in eine radioaktiv verseuchte Wüste verwandelt und den Großteil der Zivilisation ausgerottet. In dieser tristen Welt kämpfen Siedler, verrückte Kultisten und Banden von Plünderern und Mördern um die letzten verbliebenen Ressourcen. Irgendwo dazwischen gibt es natürlich auch noch uns. Wir sind der Teil der Desert Rangers, einem Zusammenschluss aus Überlebenden, die sich für Recht und Ordnung in der chaotischen Welt einsetzen wollen.

Genre typisch verteilen wir nach dem Level Up Fähigkeitspunkte
In Wasteland 2 bewegen wir uns in dem atomar verseuchten Arizona. An und für sich kann man den Titel dem Open-World-Genre zuordnen. So ganz trifft das aber auch nicht zu. Zwar gibt es eine Weltkarte, bestimmte Gebiete sind aber blockiert, bis wir Schutzanzüge der passenden Stufe haben, um die dort herrschende radioaktive Strahlung zu überstehen. So sind wir immer in passenden, für unser Level geeigneten Gebieten unterwegs. Eine komplett offene Welt, wie bei beispielsweise in Divinity: Original Sin, finden wir hier nicht vor. Aber das schlägt nicht allzu sehr ins Gewicht. Die Größe kann trotzdem problemlos als riesig bezeichnet werden und der Spielfluss gerät so auch nicht zu sehr ins Stocken.

Das nuklear verseuchte Arizona
Charakterfrage
Im Endzeit-Universum entdecken wir allerhand komplett durchgeknallte Charaktere. Aber nicht nur die anderen sind bekloppt. Auch unsere eigene Truppe wartet mit äußerst merkwürdigen Biografien auf. Und wem die alle nicht gefallen, der schreibt einfach eine eigene. Wasteland 2 bietet uns schon vor dem eigentlichen Spiel unglaublich viele Möglichkeiten, das Spielerlebnis unseren Wünschen anzupassen. Wer es einfacher haben möchte, wählt aus mehreren vorgefertigten Charakteren, hat aber auch hier die Möglichkeit, an den Fähigkeiten zu schrauben. In Zahlen ausgedrückt können wir in 29 verschiedene Skills Punkte investieren und damit die Charaktere völlig frei anpassen. Feste Klassen gibt es in Wasteland nicht. Ein medizinisch versierter Scharfschützenspezialist ist genauso möglich wie ein Hacker-Genie, das sich mit Fäusten und Schotflinten zur Wehr setzt. Der eigenen Fantasie sind also fast keine Grenzen gesetzt. Das hat aber auch Schattenseiten. Zusätzlich zu den vier eigenen Charakteren können sich auch noch bis zu drei weitere Personen unserer Truppe hinzugesellen. Potenzielle Mitstreiter finden wir überall in der Spielwelt verteilt und lassen sich meist questbezogen anheuern.

Die Charaktererstellung bietet viele Möglichkeiten, schreckt aber Einsteiger ab
Anfänger fühlen sich zu Beginn mehr als überfordert. In der Early Access-Version wusste ich zugegebenermaßen auch nicht, wo oben und unten ist. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass die deutsche Sprache noch nicht verfügbar war. Mein Englisch ist zwar recht ordentlich, jedoch braucht man für die Fülle an Text schon einiges an Lesebereitschaft. Aber auch auf Deutsch bietet sich dem Nachwuchs-Ranger Lesestoff in Hülle und Fülle. Für Fans von Old-School-Rollenspielen ist das alles aber ein El Dorado. Im Charakter-Editor kann man mit Leichtigkeit drei Stunden verbringen. Darüber hinaus verzichtet Wasteland 2 komplett auf ein Tutorial. Auch die erste Mission entpuppt sich schnell als fordernd und deutet auf eine „Anti Ranger“-Verschwörung hin.
Tor 1, 2 oder 3?
Haben wir es dann tatsächlich geschafft und unsere zukünftige Ranger-Truppe zusammengestellt, finden wir uns auch schon bei einer Beerdigung wieder. Trostloser kann mal wohl kaum beginnen. Ein Mitglied der Desert Ranger kam bei einem Auftrag ums Leben und unser Vorgesetzter, General Vargas, beauftragt uns mit der Beendigung eben dieser Mission. Tolle Wurst! Wir sollen also das übernehmen, wobei ein anderer drauf gegangen ist. Entgegen vieler anderer Entscheidungen im Spiel hat man hier keine Wahl.
Eines der ersten Gebiete welches wir besuchen: Ein biologischen Laborkomplex
Im Laufe der ersten Mission tun sich für aufmerksame Spieler recht weitläufige Konsequenzen auf. So zum Beispiel müssen wir uns anfangs entscheiden, welchem der zwei Betreibern von Radiosendern wir helfen. In beiden Gebieten stehen Quests zur Verfügung. Entscheiden wir uns falsch, müssen beide sterben. Entscheiden wir richtig, nur einer. Einen perfekten Plan gibt es niemals. Immer stellt uns das Spiel vor wichtige Entscheidungen und schon bald werden wir dann die Auswirkungen zu spüren bekommen. Jedes Mal aufs Neue fragen wir uns, ob wir hätten besser reagieren können und so Menschen den Tod hätten ersparen können. Das erhöht den Wiederspielwert.
Immer der Reihe nach
Wie im Vorgänger Wasteland setzt das Spiel auf ein rundenbasiertes Kampfsystem. Zu Kampfbeginn schicken wir unsere Helden per Mausklick in möglichst strategisch günstige Positionen und erteilen weitere Befehle. Zumindest so viele, wie uns durch die Kampfpunkte ermöglicht werden. Jede Spielfigur hat pro Runde eine bestimmte Anzahl von Punkten, die durch Aktionen wie Bewegung, Angriff, Nachladen etc. verbraucht werden. Nicht benutze Punkte werden zum nächsten Zug des Charakters mit übernommen.

Die Kämpfe laufen leider sehr statisch ab. Hier ist noch viel Luft nach oben
Wer strategische Kämpfe eines Divinity erwartet, wird leider enttäuscht. Zwar gibt es Statusveränderung wie „Ladehemmung“ und „Kontrollverlust“, kampfentscheidend werden diese aber nie. Auch die Möglichkeit, unsere Helden in die Hockstellung zu versetzen, um die Trefferwahrscheinlichkeit zu erhöhen, nimmt nur selten Einfluss auf den Kampfausgang. Ebenso lässt die Inszenierung der Auseinandersetzungen zu wünschen übrig. Krachende Effekte und Umgebungsnutzung werden schmerzlich vermisst. Dadurch verkommen die Kämpfe leider viel zu oft zur reinen „Charakterschieberei“ und spielen sich sehr statisch. Hier wurde viel Potenzial verschenkt.
Allerdings finden sich auch Anfänger schnell in das Kampfsystem ein und werden mit Siegen belohnt. Wer anspruchsvollere Kämpfe haben möchte, sollte daher den Schwierigkeitsgrad ein wenig nach oben stellen. Dieser lässt sich jederzeit wieder anpassen. Automatisch gewonnen sind die Kämpfe jedoch nicht. Wer sich vor einer Reise nicht vernünftig eindeckt und vorbereitet, liegt schnell im virtuellen Wüstensand von Arizona.

Wir begegnen auch skurrilen Gegnern wie diesen Riesenkaninchen
Trotz schwacher Präsentation machen die Kämpfe anfangs viel Spaß. Das ändert sich aber. Zwar fehlt es nicht an abwechslungsreichen Gegnern, jedoch spielt sich unser Scharfschütze auch nach zehn Spielstunden immer noch gleich. Das liegt vor allem daran, dass unsere Helden keine Kampffähigkeiten mehr dazulernen. Investierte Punkte und Talente steigern lediglich den Schaden, den wir verursachen. Tolle Spezialfähigkeiten, auf die wir hinarbeiten können, gibt es keine. Sehr schade.

Einen Großteil des Spiels verbringen wir über sehr gut geschriebene Texte in Gesprächen
Nicht abgenickt durch Technik
Auf der technischen Seite wirkt Wasteland 2 leider hoffnungslos veraltet. Grafik, Sound, Steuerung und Inszenierung sind absolut nicht mehr zeitgemäß. Das Grafikgrundgerüst wird zwar von der Unity-Engine gestellt, welche u.a. auch Hearthstone und The Forest befeuert, jedoch wird von inXile Entertainment hier viel zu wenig herausgeholt. Grobe Umgebungen und detailarme Charaktere werden nur noch von einer haarsträubenden Kamera getoppt. Sehr ärgerlich: Durch die frei drehbare Ansicht werden oft Türen und Eingänge schlichtweg übersehen. So kam es nicht nur einmal vor, dass wir die Gegend nach einer Möglichkeit zum Weiterkommen absuchten und es lediglich der (automatischen) Positionierung der Kamera zu verdanken war, diese nicht gefunden zu haben. So müssen wir immer wieder manuell nachjustieren um sicher zu gehen nichts übersehen zu haben.

Auch die Innen-Areale überzeugen grafisch in keinster Weise
Auch in musikalischer Hinsicht gibt es nicht allzu viel zu berichten. Die Soundeffekte in Kämpfen sind lediglich als zweckmäßig zu beschreiben. Sprachausgabe gibt es zwar, ist jedoch nur als schmückendes Beiwerk zu betrachten. Wie schon erwähnt liegt der Hauptaugenmerk auf den zahlreichen Texten. Positiv fällt aber der Funkkontakt auf, den wir zu jeder Zeit mit der Basis der Desert Rangers haben. Gespräche mit dem Anführer, General Vargas, verbreiten einen wohlwollenden „Metal Gear-Gedenk-Charme“.
Atmosphärische Einbrüche ergeben sich durch die maue Technik allerdings nicht. Wasteland 2 weiß durch eine dichte Storyline und tristen Weltuntergangs-Charme durchaus in seinen Bann zu ziehen. Wenigstens gehen die Entwickler einen konsequenten Weg: Die technische Präsentation ist genauso trist und grau wie das verseuchte Arizona.

Die Aufgaben verfolgen wir in diesem spartanischen Questlog; Eine Minimap gibt es nicht
| Wasteland 2 | |||||||||||||
| Publisher: | Deep Silver | Releasetermin: | 19. September 2014 | Preis: | ca. 30 Eur | Plattform: | PC | ||||||
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